• Manfred Kruse

Nachkriegszeit 1950er Bremen

Aktualisiert: 29. Aug 2019

"Chronik meiner Großeltern, Eltern, meiner Kindheit und Jugend sowie meiner eigenen Familie" ( © 2008), Auszug aus meinem vorstehend selbst verfassten Buch:


Meine Erinnerung reicht etwa zurück bis in die Jahre 1952-1953 in die langsam ausklingende Nachkriegszeit. Damals herrschte eine allgemeine Aufbruchsstimmung nach den Jahren der Entbehrung zu Kriegszeiten und unmittelbar nach Kriegsende. Während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) wurden große Teile Bremens zerstört. Ich habe noch Trümmergrundstücke und die Ruinen ausgebombter Häuser mit eigenen Augen gesehen, da noch nicht alle Trümmer und Ruinen beseitigt worden waren. Ich habe einmal meine Mutter gefragt, warum diese Häuser kaputt sind. Aber wie soll man einem 4-Jährigen erklären, was Krieg ist?


In jenen Jahren war der Wiederaufbau voll im Gange, es mussten überall in Bremen neue

Wohnungen und neue Fabriken gebaut werden. Wir bewohnten ebenfalls eine Neubauwohnung. Auch die Hafenanlagen waren zerstört und mussten neu erstellt werden. In jenen Tagen sah man auch viele Kriegsinvaliden herumlaufen, denen ein Arm oder Bein fehlte oder die blind waren. Manche von ihnen waren als Hausierer unterwegs, um an der Wohnungstür Rasierklingen, Schnürsenkel, Seife, etc. aus ihrem Bauchladen zu verkaufen. Andere baten als Bettler um ein Almosen. Es wurde alles verwertet und nichts weggeworfen. So fuhr ein Lumpensammler mit seinem Pferdegespann die Gröpelinger Heerstraße entlang und rief: „Lumpen, Eisen, Knochen und Papier. Der Lumpenmann ist hier.“ Damals waren nämlich noch vereinzelt Pferdefuhrwerke im Straßenbild zu sehen. Die Anwohner brachten dann die entsprechenden Sachen runter auf die Straße zum Lumpensammler. Auch kam regelmäßig ein Mann an unsere Wohnungstür, der Kartoffelschalen sammelte und abholte für seine Schweine.


Die elektrischen Straßenbahnen hatten damals Schiebetüren, die manuell betätigt werden mussten und die daher oft auch während der Fahrt offen standen, so dass manche Leute noch beim Anfahren der Straßenbahn schnell auf das Trittbrett aufgesprungen sind, um mitzukommen. In der Straßenbahn durfte in allen Waggons geraucht werden. In jedem Waggon fuhr ein eigener Schaffner mit, der die Fahrscheine verkaufte, die 10 Deutsche Pfennige (0,05 Euro) kosteten.

Wenn die Leute an der Haltestelle aus- und eingestiegen sind, hat der Schaffner an der Leine gezogen und abgeklingelt, um freie Fahrt dem Fahrer zu signalisieren, der dann bei diesem Klingelton losfuhr. Der Fahrer hatte keinen Fahrersitz sondern musste stehen. Es war lediglich eine Art Fahrradsattel an der hinter ihm befindlichen Haltestange befestigt, auf den er sich halb im Stehen draufsetzen konnte. Das Armaturenbrett war sehr dürftig ausgestattet. Es gab praktisch nur 3 oder 4 Schalter und den Tachometer sowie die Kurbel für die Geschwindigkeit. Die Bimmel der Straßenbahn hat der Fahrer mit einem Fußschalter betätigt. Vor jeder Weiche musste er aussteigen und diese manuell mit einer losen Stange betätigen.


Im Nachbarstadtteil Oslebshausen befand sich ein großes Straßenbahndepot. Hier endete die Straßenbahnlinie. Ab hier verkehrte ein Trolleybus weiter nach Burg-Lesum. Der Trolleybus war ein Omnibus mit Elektromotor, der von einer über der Straße befindlichen Oberleitung mittels eines auf seinem Dach befindlichen schwenkbaren Stromabnehmers gespeist wurde. Dieser Stromabnehmer musste deshalb beweglich sein, damit der Fahrer den Bus innerhalb gewisser Grenzen steuern konnte. Der Trolleybus fuhr ja nicht auf Schienen. Diese Trolleybusse hatten in dem bereits erwähnten Depot ebenfalls ihren Stützpunkt. Der Trolleybus besaß einen Anhänger, in dem geraucht werden durfte.


Etwa in den Jahren 1955 bis 1956 begann langsam das sogenannte Wirtschaftswunder nach Einführung der sozialen Marktwirtschaft durch den CDU-Politiker Ludwig Erhardt. Viele Arbeitnehmer fanden neue Jobs in den Büros und Fabriken. Es wurden z. B. Haushaltsgeräte (Kühlschränke, Waschmaschinen, etc.) und Automobile hergestellt. Viele Bürger brachten es allmählich zu einem bescheidenen Wohlstand. Die Automarke VW-Käfer wurde zum Inbegriff dieser neuen Zeit und in den nachfolgenden Jahren das Straßenbild beherrschende Automobil. Auch die Waschmaschinenmarke AEG (Modell LAVAMAT) und die Fernsehmarke Grundig stehen für das Wirtschaftswunder.


Ende der 50er Jahre fingen die ersten Deutschen langsam an, Italien als Urlaubsland zu entdecken und dorthin mit ihrem VW-Käfer zu reisen. Danach wurden die ersten Gastarbeiter nach Deutschland geholt, um die viele Arbeit zu schaffen. Es herrschte ein großer Nachholbedarf bei dem Erwerb von Konsumgütern, und es wurde schließlich Vollbeschäftigung erreicht. Die Arbeiter konnten jede Menge Überstunden machen, um die viele Arbeit zu schaffen. Arbeit war nämlich genug dar, auch für ungelernte und angelernte Arbeiter.


Zu dieser Zeit wurden auch neue Industriebetriebe in Bremen angesiedelt, so etwa das Hüttenwerk Klöckner mit Hochofen, Stahlwerk, Walzwerk an der Weser etwa 1956. Es gab damals die Bremer Autofirma BORGWARD, die die Automobile Arabella, Isabella der Oberklasse sowie den Kleinwagen Lloyd in Bremen baute. Den Lloyd nannte man auch im Volksmund „Leukoplastbomber“, weil dieser Kleinwagen eine Kunststoffkarosserie besaß. Auch andere Kleinwagen waren damals verbreitet, etwa der BMW-Isetta (Knutschkugel), wo man vorne einstieg und beim Öffnen der Tür das Lenkrad mit wegschwenkte. Außerdem gab es den Kabinenroller von Messerschmidt, ein Kleinwagen, wo Fahrer und Beifahrer hintereinander saßen. Ferner ist das Goggomobil zu nennen. Es waren aber noch andere ungewöhnliche Kleinwagen verbreitet. Die Nachkriegsautomobile hatten noch kein Blinklicht für das Abbiegen sondern mechanische Winker an der Seite. Wenn ein Fahrzeug signalisierte, dass es abbiegen wollte, wurde an der Seite ein roter Winkerhebel herausgeklappt. Die Autotüren gingen bei vielen Autos auch anders herum auf.


Als Polizeiautos fuhren VW-Käfer, die anstelle von Türen Seitenschürzen hatten. Es verkehrten viele 3-rädrige Lastautos, so ähnlich, wie man sie heute noch in Italien sieht. Eine verbreitete LKW-Marke war Hanomag-Henschel. Die Lastautos durften zwei Anhänger haben. Sattelschlepper gab es noch nicht. Die meisten Leute gingen zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad. Es war auch verbreitet, einen Handwagen zu Fuß hinter sich herzuziehen, wenn man Sachen zu transportieren hatte. Es gab die 48-Stunden-Woche, und es wurde auch samstags gearbeitet, Urlaub gab es nicht. Damals gab es noch keine Stadtautobahn und keine Fußgängerzone in der Innenstadt. Die Bundesstraße B74 nach Delmenhorst führte direkt durch die Bremer Innenstadt. Vom Bremer Stadtrand nach Delmenhorst war die Bundesstraße bis etwa 1965 mit Klinker-Belag versehen.

Überhaupt waren die meisten Straßen damals mit Klinkern gepflastert oder besaßen Kopfsteinpflaster. Asphaltstraßen waren erst ab Ende der 60er Jahre verbreitet. Es waren damals in Bremen zwei Schiffswerften vorhanden, die große Seeschiffe gebaut haben, die AG-Weser in Oslebshausen und die Vulkan-Werft in Vegesack. Diese beiden Großwerften haben teilweise die größten Schiffe der Welt gebaut. Außerdem gab es in Vegesack noch eine Kleinwerft, die Lürssenweft, die z. B. Binnenschiffe gebaut hat.


Ich habe noch Eisblumen an den Fenstern unserer Wohnung kennen gelernt, wenn draußen im Winter starker Frost herrschte. Damals gab es noch keine Isolierverglasung sondern nur einfache Fensterscheiben, so dass die Scheiben bei tiefen Minusgraden zufroren. Da wir noch keinen Kühlschrank hatten, legten wir die Weihnachtsgans an einem Bindfaden ums Gänsebein gebunden auf die Dachpfannen unserer Wohnung. Die Fernseher und Radios waren alle in Röhrentechnik ausgeführt und dementsprechend groß und schwer. Die Elektronik war noch nicht erfunden worden. Viele heutige elektronische Geräte waren damals mit Feinmechanik ausgestattet, wie z. B. Schreibmaschinen, Uhren, Tachometer, etc. Als die TV-Geräte noch nicht so verbreitet waren, bildeten sich Menschenansammlungen auf der Straße vor den Schaufenstern der Fernsehhändler, wenn dort ein Fernseher lief. Die Leute haben dann neugierig Fernsehen geschaut. Das Bier wurde damals flaschenweise beim Kaufmann an der Ecke eingekauft. Supermärkte oder Discounter gab es noch nicht. Man wurde vom Kaufmann persönlich bedient, der die Ware jeweils mit einer mechanischen Waage abwog. Fertig in Einzelpackungen abgepackte Ware war unbekannt. Die Zigaretten waren verpackt in Schachteln zu 6 Stück und kosteten damals 50 Deutsche Pfennig.


In den Bremer Häfen herrschte wieder volle Betriebsamkeit beim Löschen der Stückgutfrachter oder beim Beladen dieser Seeschiffe. Schiffscontainer waren noch unbekannt. Beim Beladen und Entladen wurde neben den Hafenkränen noch viel von Hand durch die Hafenarbeiter (Schauermänner) erledigt. So stand damals jeder Arbeitsfähige in Lohn und Brot entsprechend seiner persönlichen Qualifikation. Arbeitslosigkeit, wie heute verbreitet, war unbekannt.

Damals zogen auch viele Drehorgelspieler mit ihrem Leierkasten durch die Stadt, denen man für ihre Musik gerne mal 10 Pfennig gab. Aus heutiger Sicht gab es auffallend viele Bierkneipen und Kioske, wo man Zigaretten und Zeitschriften kaufen konnte. Auch Tankstellen gab es mehr als genug. Alle diese Einrichtungen verschafften ihrem Besitzer bzw. Pächter Arbeit. Das damalige Lebensgefühl entsprach der schon erwähnten Aufbruchsstimmung der 50er Jahre und kam auch durch die Musikszene und Mode zum Ausdruck. In der Musik herrschte der Rock ’n’ Roll vor, der in Elvis Presley den prominentesten Vertreter fand. Diese Musikrichtung stammte aus den USA. Die Jugendlichen, damals nannte man sie Halbstarke oder Backfische, gingen in Scharen in die Tanzlokale, um Rock ’n’ Roll zu tanzen. Die jungen Männer trugen eine Elvis-Tolle und die jungen Frauen Petticoats. Viele junge Leute waren motorisiert und fuhren VESPA Motorroller. Es war voll im Trend, auf Partys Cocktails und in der Milchbar Milchmixgetränke zu trinken.


Dem damaligen Zeitgeist entsprachen auch die vielen Schrebergärten, die von den Familien mit viel Begeisterung gehegt und gepflegt wurden. Etwas später war auch verbreitet, mit der Familie ins Grüne zum Picknick zu fahren. Dabei wurde auf einer Wiese eine Decke ausgebreitet und im Picknickkorb selbst mitgebrachte Speisen und Getränke verzehrt. Im Kino und im Fernsehen liefen viele Heimatfilme oder Familienfilme. Nach den Schrecknissen des Zweiten Weltkrieges war man romantisch und familiär orientiert. Single-Haushalte, wie heute in der Überzahl, waren nicht üblich. Die seit Jahrhunderten praktizierte klassische Rollenverteilung zwischen Mann (Ernährer) und Frau (Mutter und Hausfrau) bestimmte das Familienleben und auch die Gesellschaft. Bei der Wohnzimmereinrichtung war es modern, einen nierenförmigen Rauchtisch mit zwei Cocktailsesseln getrennt aufzustellen. In vielen deutschen Wohnzimmern durfte der Gummibaum nicht fehlen. Mit zunehmender Motorisierung in den frühen 60er Jahren haben Samstags Nachmittag die Männer ihre Autos am Straßenrand mit Eimerwäsche gewaschen und den Lack poliert. Die damaligen Autos waren überdies mir allerlei verchromten Zierrat ausgestattet, der ebenfalls gewienert werden musste.

Damals herrschte in der Gesellschaft noch das Obrigkeitsdenken und vor den Schutzleuten (Polizisten) als Vertreter des Staates hatten die Leute Respekt. In den Schulen haben die Schüler die Lehrer als Autoritäten geachtet, ebenso die Angestellten die Autorität des Chefs. In den Universitäten trugen die Professoren schwarze Talare und waren für die Studenten unnahbar. In den Familien galt der Ehemann als Familienoberhaupt und wurde als Autorität anerkannt. Wenn die Ehefrau einen Sohn gebar, sprach man von einem Stammhalter. Die Stammfolge war gesichert, und der Familienname starb nicht aus. Es gab eine genau festgelegte Hierarchie, die von allen akzeptiert wurde. Durch diese Hierarchie fanden die Schwachen, nicht so willensstarken Menschen, allerdings eine Orientierung im Leben und auch Arbeit.


Es gab auch viele Tabus, Themen, über die nicht öffentlich gesprochen wurde, z. B. die Homosexualität, die wilde Ehe (Leben ohne Trauschein), uneheliche Kinder, ledige Mütter, um nur einige aufzuführen. In der Gesellschaft waren Prüderie und Spießbürgertum verbreitet. Die Spießigkeit kam dadurch zum Ausdruck, dass das ganze Leben in Verhaltensregeln eingebunden war. Mach vor dem Onkel einen schönen Diener. Iss deinen Teller schön leer. Sei nicht so frech. Sei ein lieber Junge. Andersdenkende, die der gesellschaftlichen Norm nicht entsprachen, hatten einen schweren Stand. Außerdem waren noch die alten Tugenden von anno dazumal verbreitet, wie Opferbereitschaft, Gewissenhaftigkeit, Loyalität, etc.


Nackte Menschen konnte man weder im Fernsehen, Kino noch in den Zeitschriften sehen. Die Kinder wurden auch nicht in der Schule über die Sexualität aufgeklärt, viele von ihnen auch nicht im Elternhaus. Wohnungen wurden nur an Paare vermietet, wenn diese verheiratet waren. Außerdem gab es den Kuppeleiparagraphen, der den Eltern verbot, die Freundin beim heranwachsenden Sohn übernachten zu lassen. Dieses Vergehen wäre mit einer Gefängnisstrafe für die Eltern geahndet worden. Außerdem war es äußerst schwierig, wenn Verlobte heiraten wollten, die verschiedenen Religionen angehörten.

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