Gedichte meines Vaters Georg Kruse (1915-1998). Baiersdorf

 

Mein Vater Georg Kruse (1915-1998) hat in der Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) wunderschöne Gedichte verfasst. 

Kruse Edewecht. Baiersdorf

Middleton v. 12.9.1946


Mein Heimatland


Wo knorrige Eichen wetterfest,
die heute noch stehen treugerecht.
Wo Eichen noch zum Himmel ragen,
da einstmals fremde Krieger lagen.
Da ist mein Heimatland, das Ammerland,
In Oldenburg, am Nordseestrand.

Wo die Aue fließt durch grüne Wiesen,
die in Urahnenzeit noch fahrbereit,
auf der sie fuhren meilenweit,
bis die Neuzeit, sie vom Verkehr befreit.

Wo Windmühlen rauschen weit ins Land,
und die Nordseewellen umspülen den Strand,
dahin wird sein mein erster Gang,
wenn wieder ertönt der Freiheit Gesang.

Wo der Bauer backt sein Roggenbrot,
was mir in der Fremde niemand bot.
Wo die Muttersprache plattdeutsch klingt,
wo der Sommer reiche Ernte bringt,
mit dem Ranzen ich dort zur Schule ging.

Wo die Bienen summten über Heide und Moor
wo im Kriege war das Zufluchtstor
da möchte ich wieder weilen, wie einst zuvor.

Wo man Aale räuchert nach alter Art,
wie es der Urgroßvater schon tat.
Wo bekannt ist Ammerländer Bauernschinken
die weit über Heimatgrenzen winken.

Wo der Bauer verwachsen mit Land und Meer,
der ruhig ist auf seiner Art.
Wo mich der Mutter Schoß einst barg,
da möchte ich sterben, wär`s noch so hart.

Wo die Störche nisten auf dem Strohdachhaus.
Ein blondes Mädchen schaut aus dem Fenster heraus.
Die Äuglein so klar, wie der Himmel so blau,
da zieht`s mich wieder hin, ich weiß es genau.

O, Heimatland, wie bist du so schön,
wenn man die ganze Welt gesehen.
Drum denk ich an die Kinderzeit,
wo wir zum frohen Spiel bereit.

In jungen Jahren ging ich fort,
von meinem lieben Heimatort.
Mich zog es fort vom Nordseestrand,
weit hinein ins deutsche Land.

Doch ungewollt das Schicksal kam
und mich auf seine Flügel nahm.
Über den Ozean trug es mich fort
aber nicht zurück zum Heimatort.

Erdteile haben wir bereist,
bis wir in England angereist.
In Gedanken bei Tag, in Gedanken bei Nacht,
so warten wir, bis der Befehl gebracht.

Verklungen schon längst der Schlachtenlärm,
doch wir als Gefangene, der Heimat so fern.

Schwer geplagt ist mein Gemüt,
weil es mich nach der Heimat zieht.
Beschattet ist der Lebensweg,
weil der Freiheitsdrang nach Hause geht.

Zerschunden sind die Kleider
verwundet die Leiber.
Die Wunden vernarbt,
die Verräter entlarvt,
die uns gestürzt in diese Schmach.
So fristen wir hinter dem Drahtgeflecht
bis uns ein dauernder Friede gerecht.

 

gedichtet von meinem Vater Georg Kruse 1946 in Kriegsgefangenschaft

 

© 2015  Manfred Kruse, Baiersdorf

Middleton 20.9.46

 

Meiner lieben Zwillingsschwester!

Ein Zwillingspaar geht Hand in Hand
in Treue vereint, die Bauernhörne entlang.
Begleitet vom Pudel, dem Spielgefährten
der sie begleitet auf alle Fährten.
Zu der Bäuerin führt der alltägliche Gang
die hatte ein knuspriges Brötlein gebrannt.

Großvater sitzt im Sorgenstuhl
Hände gefaltet und schaut auf die Uhr.
So wie der Zeiger die Sekunden zählt
sind auch seine Lebensstunden bald gezählt.
Zwei Kriege hat er schon überstanden
viele seiner Lieben sind vorzeitig gegangen.

Neben ihm die Hecke Zaunwinden umwunden
wo im Frühjahr einst die Drossel gesungen.
Es war die Zeit, wo die Beeren der Rotdornen reifen
und der Knabe lässt steigen den Drachen in Himmelsweiten.
So denkt er noch einmal an die Zeit zurück,
wo er umwogen von Jugendglück.

Das Zwillingspaar, Junge und Mädel herangereift
doch Alma, das Mädel frühzeitig der Ewigkeit geweiht.
Von schwerer Krankheit es heimgesucht
bis man es vom Schülerchor begleitet zu Grabe trug.
Doch Georg, der Bruder, tränengerührt,
dass man sein Schwesterlein zu Grabe geführt.

So fand er sich später am Grabe ein,
gab seiner Schwester ein stilles Gedenken.
Schmückte die Stätte mit den frischen Blümlein,
bis ihm später die Augen in die Ferne lenkten.
In der dunklen Nacht wandern Kindheitsträume,
wo er mit seinem Schwesterlein ging am knospenden Zaun.

Heimatbrief in Gefangenschaft!

Ich habe im Leben viel korrespondiert,
nie haben mich Zeilen tief innerlich so berührt.
Wie ein Brieflein, das kam übers blau Meer
von meinen Lieben, aus der Heimat her.

Zwei Jahre ohne Nachricht im fernen Land,
das hatte mich auf die Folter gespannt.
In dürftigen Zeilen hat der Brief berichtet
wie die Feuerwalze des Krieges die Heimat vernichtet.

 

gedichtet von meinem Vater Georg Kruse 1946 in Kriegsgefangenschaft

 

© 2015  Manfred Kruse, Baiersdorf

 

Alvaston ,16.1.1947

Der Heimatfriedhof

Hinter efeugrünumrankter steinernen Mauer
ragen Grabdenkmäler, schlichte Kreuze.
Hier liegt der Tod auf ständiger Lauer.
In dunkler Friedhofserde, kühler Feuchte.

Unter goldeingravierten Marmorplatten, moderne Gruften
ruht das löblich Blut der sel`gen Ahnen.
Aus leuchtenden Blumenrabatten lieblich duften.
Alles Lebende umschleiert, Ruhe mahnend.

Des hölzern Turmes Glockenschlag
der Jahr für Jahr die Stunde kündet.
Tönt aus dem Gebälk im Giebeldach
als ob der Toten Geist den Hammer fünde.

Auf dem Totenacker tiefe Ruh, tiefes Schweigen.
Ein leichter Wind streichelt die Stauden
der geblümten Rosen weiß gekräuselt, da im Reigen.
Um den Ruhenden zu flößen, Liebe, Kraft und Glauben.

Wieviel rührig träumen, heißes Sehnen
wenn zur ewigen Ruh letzte Ehr die Glock geläutet.
Im schwarzen Trauerflor gehülltes Gähnen,
wenn zum letzten Abschied regten sich die Leute.

In welligen Hügeln, Schluchten, weltverloren
ragen, wo keine Menschenhand sich rührt
unzählige Kreuze, Weltensöhne vom Schicksal erkoren,
kein Heimatklang zu ihnen führt.
 

gedichtet von meinem Vater Georg Kruse 1947 in Kriegsgefangenschaft

 

© 2015  Manfred Kruse, Baiersdorf