Auszug aus meinem Buch. Baiersdorf

"Von der bitterarmen Landarbeiterexistenz.." (© 2013), Auszug aus meinem Buch:

 

 

1.1 Vom Leben der Landbevölkerung

 

Bis etwa in das 19. Jahrhundert hinein herrschte auf dem Lande die feudale Agrarstruktur, d. h. der Grund und Boden gehörte dem Landadel oder dem Klerus (Kirche). Wenn ich heute Radtouren unternehme, stoße ich öfters auf die mittlerweile verfallenden Landschlösser dieser Adligen. Die Bauern und Landarbeiter bewirtschaften das Land und mussten dafür als Steuer landwirtschaftliche Erzeugnisse an die Besitzer (Grundherrn) abgeben. Außerdem mussten sie bei ihrem Grundherrn ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen.

 

Sogar von der Kirchenkanzel wurde gepredigt, seiner adligen Herrschaft (der Obrigkeit) untertan zu sein, treu und ergeben. Die politische Ordnung des Adels war gottgewollt, und es war eine Todsünde, sie anzuzweifeln. Die Grafen, Herzöge und Fürsten haben auch auf deutschem Boden Kriege untereinander geführt, bei denen die Landbevölkerung Söldnerdienste als Soldat ableisten mussten.

 

Die hygienischen Verhältnisse auf dem Land waren katastrophal. Kanalisation und Wasserleitungen gab es noch nicht. Stattdessen gab es Plumpsklos und das Trinkwasser wurde aus Brunnen mit dem Eimer geschöpft. Das medizinische Wissen war äußerst gering und die Anatomie des menschlichen Körpers fast gänzlich unerforscht. Die einfachen Operationen hatten damals der Bader (Betreiber einer Badestube) durchgeführt, ebenso wie Zahnziehen und Wundversorgung.

 

Der Aberglaube in der Bevölkerung war weit verbreitet, weil die wissenschaftlichen Zusammenhänge vom Menschen und der sie umgebenden Umwelt unbekannt waren. Manche unheimlichen Phänomene wurden als Werk des Teufels bezeichnet oder im Mittelalter den Hexen als Schuld zugeschoben. Die Bevölkerung konnte weder lesen noch schreiben. Die adligen Kinder wurden von Hauslehrern unterrichtet. Durch diesen Bildungsmangel war es möglich, dass die Bevölkerung an Geister, Elfen, Feen, Kobolde geglaubt hat.

 

Weil die Gesellschaft damals nicht ihre Dörfer verlassen konnten, Autos und Eisenbahn gab es nicht, lebten die Leute abgeschieden von der übrigen Welt, ohne zu wissen, was außerhalb ihres Dorfes geschah. Die Adligen hatten die wenn auch beschwerliche Möglichkeit, mit der Postkutsche zu reisen. Es gab keinerlei Infrastruktur und Straßen waren unbekannt. Die Dörfer und Städte untereinander waren nur über Sandwege und notdürftig befestigten Wegen per Pferd oder Kutsche zu erreichen. Überdies gab es viele Räuber und Wegelagerer, die die Reisenden überfallen und ausgeraubt haben.

 

Zwischen den vielen Grafschaften und Herzogtümern gab es Zollschranken und jeder Teilstaat hatte seine eigenen Maße, Gewichte und Münzen. Das Landleben war äußerst hart und entbehrungsreich, aber die Welt war für den einzelnen Menschen überschaubar. Die Menschen waren ausschließlich den ganzen Tag damit beschäftigt als Selbstversorger Nahrungsmittel zu erzeugen, um zu überleben. Viele von ihnen haben noch zusätzlich als Torfarbeiter, Holzfäller, Weber, etc. gearbeitet, um genug zu essen zu haben. Etliche von ihnen sind nach Nordamerika ausgewandert, vor allen nach Missernten, um dort als Farmer neu anzufangen.

 

Besonders die Landarbeiter waren bitterarm und ihr gesamter Besitz hätte in einem Rucksack Platz gehabt. Sie besaßen oft nur die Kleidung, die sie am Leibe trugen. Die Landarbeiter (Heuerlinge) wohnte meistens in einer Art Scheune beim Bauern zur Miete (Pacht) und mussten dafür beim Bauern auf dem Bauernhof arbeiten. Darüber hinaus hatten sie vom Bauern ein kleines Stück Land gepachtet, welches sie selber landwirtschaftlich nutzten.

 

Die Wohnverhältnisse dieser Landarbeiter waren so erbärmlich, dass nur ein Bettgestell und ein Hocker in der Kammer von vielleicht 4 qm Platz fanden. Oft konnten diese Leute noch nicht einmal in der Kammer aufrecht stehen, weil die Decke zu niedrig war. Deutschland war damals ein Agrarland vor der Industrialisierung. Nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung wohnte in Städten. Berlin, Hamburg und München, heute Millionenstädte, besaßen damals nur einige Zehntausend Einwohner.

 

Auf dem Lande lebten die Bewohner mit dem Viehzeug unter einem Dach. Bei den Bauernhäusern gab es keine Trennwand zwischen Stall und Küche. In der Küche war eine offene Feuerstelle zum Kochen ohne Schornstein bzw. Rauchabzug. Der Rauch vom Herdfeuer zog über den Stall durch die Haustür ins Freie ab. Geheizt wurden diese Bauernhäuser überhaupt nicht, weswegen im Winter an den einfachen Fensterscheiben Eisblumen sich bildeten. Lediglich das Herdfeuer in der Küche spendete ein wenig Wärme.

 

Waren diese Wohnverhältnisse bei den Bauern schon primitiv, so waren die der Landarbeiter katastrophal, ja menschenunwürdig. Die Lebenserwartung der Menschen war äußerst gering und die Kindersterblichkeit hoch. Viele Menschen sind an Seuchen, Mangelernährung oder den schlechten hygienischen Verhältnissen gestorben.

 

Dem gegenüber führte der Landadel ein sehr bequemes Luxusleben, umgeben von unzähligen treuen Dienstboten. Dieses Personal arbeitete oft nur für die eigene Unterkunft in einer Gesindekammer und Verpflegung und hatte meist nur einmal in der Woche einen halben Tag frei. Diese Dienstboten mussten 16 Stunden am Tag für die Herrschaften tätig sein.

 

 

1.2 Warum mir es leicht fällt dieses Buch zu schreiben

Weil ich noch die ausgehende Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) sowie das deutsche Wirtschaftswunder der 50er Jahre als Zeitzeuge miterlebt habe, bin ich ein Bindeglied in der Generationenfolge, welches darüber hinaus Kenntnis besitzt über die ländlichen und dörflichen  Strukturen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Mein Vater war Jahrgang 1915 und seine Mutter Jahrgang 1880.

 

Hauptsächlich mein Vater hat mir mündlich überliefert, wie die Wohnverhältnisse und die Arbeitsbedingungen auf dem Lande waren vor dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945). Ich habe als Kind immer aufmerksam zugehört und überdies die Relikte von anno dazumal –vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918)-, als Deutschland noch einen Kaiser hatte, kennenlernt. Ich habe noch die Plumpsklos und die alten reetgedeckten Bauernhäuser ohne Kanalisation und Wasserleitung in meiner Erinnerung.

 

Bis in die 60er Jahre (meine Kindheit) hinein haben Leute in meinem sozialen Umfeld ein Schwein zu Hause fett gemacht für die Hausschlachtung. Diese Gepflogenheit war auch in den Städten, wie Bremen, verbreitet. Somit ist es leicht für mich, mich noch weiter in die Vergangenheit auf eine gedankliche Zeitreise zu begeben, im Gegensatz zu meinen Söhnen, die durch den rasanten technischen Fortschritt, mit dem sie aufgewachsen sind, von der zuvor erwähnten Vergangenheit abgekoppelt sind.

 

Die Sprache (einzelne Begriffe und deren Bedeutung) sowie die uns umgebene Infrastruktur haben sich dermaßen grundlegend verändert, dass meine Söhne keine Anhaltspunkte mehr finden, die damalige Zeit zu verstehen und zu begreifen. Ich bin somit das fehlende Bindeglied, zumal als Autor, um als Tor zur Vergangenheit –was wir anno dazumal nennen- zu fungieren.

 

Vor diesem Hintergrund will ich dieses vorliegende Buch schreiben. Genauer gesagt, meine Arbeitsmethode beim Schreiben werde ich so wählen, dass ich meinen Gedanken zu dem vorliegenden Buchtitel freien Lauf lasse und sie ungefiltert und ungekürzt zu Papier bringe.

 

Die von mir recherchierten Informationsquellen (siehe Hauptkapitel 2) dienen dazu, geschichtliche Zusammenhänge, Daten und Fakten sachlich richtig wiederzugeben. Mein Bestreben beim Schreiben dieses vorliegenden Buches geht dahin, meine Empfindungen, Emotionen, Erinnerungen und Gedanken zu diesem Thema zu verarbeiten, also subjektiv zu schreiben, jedoch unter dem Anspruch auf Authentizität.

 

© 2015  Manfred Kruse, Baiersdorf

Ahnenforschung Kruse